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mariaK

1942_08_09 ERBEN DER ERDE

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ERBEN DER ERDE

 

 "`Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen."' Mt 5,5.
 
 
Manchmal verliert der Mensch den Sinn des Lebens und kennt nicht den Grund dafür. Während seiner Jugend ist er ein Idealist und verwandelt sich im Alter in einen Materialisten. Wenn wir ständig die Zweige eines Baumes absägen, entwickeln sich seine Wurzeln übermäßig und wachsen tief in die Erde hinein. Also, wenn die Zweige keine Bedingungen für ihre Entwicklung haben, dann entwickeln sich die Wurzeln auf ihre Kosten. Dasselbe Gesetz ist auch für den Menschen von Bedeutung. Wenn der Mensch keine Bedingungen für seine geistige Entwicklung hat, entwickelt er sich in materieller Hinsicht. Seine Wurzeln entwickeln sich dann auf Kosten seiner Zweige. Sowohl der Mensch als auch der Baum müssen sich jedoch richtig entwickeln, sowohl die Zweige als auch die Wurzeln müssen gleichermaßen wachsen, das heißt, der Mensch muss sich sowohl materiell als auch geistig entwickeln. Nun, wir streben deshalb die Wissenschaft an, die unserem Leben einen Sinn verleiht. Wir streben eine solche Wissenschaft an, die gleichzeitig unseren Glauben, unsere Hoffnung und unsere Liebe stärken soll.
 
Viele fragen sich, was der Mensch im Universum darstellt. Wahrlich ist der Mensch im Vergleich zum Universum ein winzig kleines Wesen. Das Universum jedoch stellt die materielle Seite für den Menschen dar. Der Mensch muss das Universum erforschen. Für den Menschen ist das Universum ein Gegenstand der Anschauung. Klein ist der Mensch, aber Milliarden von Zellen, das heißt, Milliarden von winzigen Wesen bilden seinen Körper und leben seinetwegen. Sein Magen wird von zehn Millionen Zellen gebildet. Also ist der menschliche Magen ein großer Betrieb, an dem sich zehn Millionen Mitarbeiter beteiligen. Wer den Sinn ihrer Arbeit nicht versteht und sie nicht schätzt, sagt, das Essen sei eine einfache Angelegenheit. Nein, es ist keine einfache Angelegenheit. Zehn Millionen Arbeiter nehmen am Mittagessen teil, das du zu dir genommen hast. Wenn ihr jedem Mitarbeiter je ein Lev bezahlen würdet, so müsstet ihr insgesamt zehn Millionen Leva für ein Mittagessen bezahlen. Wer kann sich zehn Millionen Leva für ein Mittagessen leisten? Bezahlt ihr nur je eine Stotinka pro Arbeiter, so ist auch das viel, denn das ist ja nur für ein Mittagessen. Und wie viele Male am Tag isst der Mensch? Macht dann eine Hochrechnung, um zu sehen, wie viel jährlich nur die Arbeit des Magens kostet. Errechnet dann, wie viele Mitarbeiter es im Gehirn, in den Lungen gibt und rechnet aus, wie viel ihre Arbeit kostet. Wendet dabei die Mathematik an, um zu sehen, was der Mensch an sich ist und wie viel er die Natur kostet. Nur so werdet ihr verstehen, ob ihr das Recht habt, euch entmutigen zu lassen. Man lässt sich im Leben in zwei Lebenslagen entmutigen -- bei der Armut und beim Überfluss. Im ersten Fall kauft der Mensch Lose, die nichts gewinnen; im zweiten Fall kauft er Lose, die gewinnbringend sind und gerät in so eine Fülle, dass sie ihn entmutigt. Er weiß nicht, wie er damit fertig werden soll, um zufrieden zu werden. Wer nicht gewinnt, ist nicht zufrieden -- er sucht nach Reichtum. Doch auch er kann etwas gewinnen. Wie? Entweder kauft er alle Lotterielose oder er verfügt über großes Wissen, um die Wissenschaft der Glückszahlen zu verstehen und das Los zu ziehen, das gewinnbringend ist.
 
Wer ist wahrhaft reich? -- Reich ist derjenige, dessen Verstand, Herz und Seele sich richtig manifestieren. Ihr werdet euch fragen, ob die Seele wirklich existiert. Für mich ist diese Frage gelöst. Ich sehe die Äußerungen der Seele in jedem Augenblick. Sie manifestiert sich durch den menschlichen Körper und er ist das Instrument, durch den die Seele arbeitet. Ich unterhalte mich mit ihr und merke, dass sie in sich eine große Geschichte birgt. Sie trägt in sich große Kenntnisse, erinnert sich an alles. Nur der Gelehrte gibt die Existenz der Seele zu, weil er in jedem Augenblick mit ihr ins Gespräch kommt. Nun, wer nach der Existenz Gottes und der Seele fragt, und auch danach, ob es in der Welt Liebe gibt, bestimmt damit selbst seinen Platz. Dadurch ordnet er sich selbst der Kategorie der Dummen oder der Kategorie derjenigen Menschen zu, die lernen wollen oder der Kategorie der wahrhaft Gelehrten. Für die Klugen sind diese Fragen vorentschieden. Kann der Mensch die Fragen nach der Seele und nach dem Geist, nach dem Guten und dem Bösen lösen? -- Er kann. Für denjenigen, der mit der Ersten Ursache der Dinge übereinstimmt, ist alles möglich. Für ihn gibt es auch unmögliche Dinge, aber an sie denkt er niemals. Zum Beispiel fragt er sich nie, ob er die Sonne und den Mond an einem Platz zusammenbringen und ihnen ein reichliches Gastmahl geben könne. So sehr es möglich ist, dass die Erde die Sonne und den Mond besuchen kann, ist es ebenso möglich, dass Sonne und Mond sie besuchen können. Es gibt Menschen, Mondtypen, was nicht zu bedeuten hat, dass sie vom Mond kommen. Der Mond hat eine starke Wirkung auf sie und sie stehen nachts aus ihren Betten auf und steigen auf die Dächer; dort bewegen sie sich frei, ohne dabei zu stürzen. Das ist eine Frage, die keinen Bezug zu den unmöglichen Dingen hat. 
 
Jemand möchte reich sein, ohne an die Folgen zu denken, die der Reichtum mit sich bringen kann. Wenn der Reichtum dir nur Unglück bringt, wozu brauchst du ihn? Dieser Reichtum ist ein Teil der menschlichen Ordnung der Dinge. Ist es sinnvoll, den Mount Everest zu besteigen und dort zu ersticken? An große Höhen ist der Mensch nicht anpassungsfähig. Um diesen Berg zu besteigen, muss er Flaschen mit reinem Sauerstoff tragen, um das Atmen aufrechtzuerhalten. Einst dachte auch der Mensch, so wie die Fische, dass es außerhalb des Wassers kein Leben gäbe. Im Nachhinein sind einige Fische zu der Schlussfolgerung gekommen, dass man auch außerhalb des Wassers leben kann und sind dann zu Vögeln geworden. In Zukunft wird sich der Mensch vergewissern, dass man auch in großen Höhen leben kann, wo die Luft extrem dünn ist. So wie die Fische den Sauerstoff des Wassers nutzen, so wird auch der Mensch eines Tages jenen Stoff aus der Luft herausholen, der für das Atmen notwendig ist. Der Körper des zukünftigen Menschen wird im Vergleich zum jetzigen feiner sein und er wird im Äther leben. Er wird sich dann zwischen Erde und Mond frei bewegen können, denn der Raum zwischen diesen Planeten ist von Äther erfüllt, an den der Mensch angepasst sein wird. Der jetzige Mensch kann jedoch nicht auf den Mond fahren, er ist dafür nicht geeignet -- seine Lungen können den Äther noch nicht aufnehmen. Wer für sich schon solche dem Äther angepasste Lungen geschaffen hat, der kann frei auf den Mond fliegen. Laut Okkultisten gibt es solche Menschen auf der Erde. Sie fahren nicht nur zum Mond, sondern auch zu anderen Planeten, aber wie das geschieht, kann wissenschaftlich nicht bewiesen werden. 
 
Für die Wahrheit ist das unwichtig, denn sie braucht keine Beweise. Nur die materiellen Dinge werden bewiesen. Braucht das Licht Beweise? Wenn ihr die Schwingungszahl des roten, gelben oder blauen Lichts beweisen würdet, würdet ihr damit noch lange nicht das Licht als solches beweisen. Die Schwingungen sind Fahrzeuge des Lichts, aber das Licht an und für sich ist keine Schwingung. Der Mensch bedient sich des Autos als Fahrzeug, aber das Auto selbst ist noch lange kein Mensch. Das Auto ist eine Sache, der Mensch eine andere; die Schwingungen des Lichtes sind etwas, das Licht etwas anderes; die Schwingungen eines Musiktons sind etwas, womit die Musik nichts zu tun hat. Der Klang wird durch die Schwingungen der Luft weitergetragen, aber weder der Klang noch die Schwingungen stellen die eigentliche Musik dar.
 
Wenn wir nun über den Menschen sprechen, so können wir ihn als ein Individuum, als eine Persönlichkeit betrachten. Wir können ihn auch als ein kollektives Wesen betrachten, das aus einer allgemeinen Quelle des Lebens hervorgegangen ist. Er ist auf die Erde gekommen, um für sich, für sein Zuhause, für seine Heimat, für die gesamte Menschheit zu leben. Und schließlich, wenn er all diese Lebensphasen durchlaufen hat, wird er sich dessen bewusst, dass er auf die Erde gekommen ist, um seines Schöpfers willen zu leben. Um deines Schöpfers willen und um des Herrn willen zu leben, heißt, in sich Liebe zu haben. Für das Licht zu leben und es zu nutzen, heißt, Augen zu haben. Wer Augen hat, der sieht das Licht und Gott und erkennt. In diesem Sinne brauchen sie gar keine Beweise. Jemand wird sagen, er fühle Gott. Das Fühlen der Dinge ist ein Mittel, dessen sich der Mensch bedient, es ist jedoch kein Beweis. Es stellt ein Fahrzeug für den Menschen dar, ähnlich wie das Auto für sein physisches Leben. 
 
Der Austausch zwischen Gott und einer menschlichen Seele ist ein Beweis für die Existenz Gottes und für Seine Manifestationen als Liebe, Weisheit und Wahrheit. Dass du in Gott lebst und Er in dir, ist der Beweis für Seine Existenz. Es ist gesagt worden, dass Gott Liebe ist. Folglich ist die Liebe (ljubov) die Beziehung Gottes zu uns. Die \textit{Liebe}~(obitsch)\footnote{Vgl. Anmerkung 49.} stellt jedoch die Beziehung des Menschen zu Gott dar. Nur wenige verstehen diese Verhältnisse, weshalb sie jemanden lieben, ohne zu wissen, wen sie genau lieben. Jemand liebt sie und sie wissen nicht, wer das eigentlich ist. Jemand sagt, dass ihn irgendwer liebt -- Petko, Stojan, Dragan. Der Mensch kann nicht lieben. Kann ein Liter Wasser euren Durst das ganze Leben lang stillen? Kann euch ein einzelner Edelstein zieren? Folglich kann ein Mensch das Bedürfnis eurer Seele, geliebt zu werden, nicht befriedigen; noch kann man nur einen einzigen Menschen lieben. Wenn Gott im Menschen nicht lebt, kann ihn einer seinesgleichen nicht lieben. Kann die Katze den Menschen um seinetwillen lieben? -- Sie liebt ihn um des Brotes willen, das er ihr gibt. Hört der Mensch auf, die Katze zu füttern, so hört sie auch auf, ihn zu besuchen -- sie liebt ihn nicht mehr. 
 
Alle Menschen sprechen über die Liebe (ljubov), nur einige aber begreifen sie als große Kraft, als große Tugend. Sie begreift das Leben und bringt ihm Harmonie. Ohne Liebe (ljubov) ist das Leben der Tod und ohne \textit{Liebe} (obitsch) die Hölle. Hört der Mensch auf zu lieben (ljubja), so stirbt er; hört der Mensch auf zu lieben (obitscham), so steigt er in die Hölle hinab. Gott sagte zum ersten Menschen: "`An jenem Tag, an dem du von der verbotenen Frucht isst, wirst du sogleich sterben."' Das heißt: An dem Tag, an dem du das Gesetz der Liebe brichst, wirst du sterben. Der Tod beinhaltet die Entfernung des Menschen von der Liebe. Wenn die Menschen über die Liebe sprechen, betrachten sie sie einerseits als Ausdruck des individuellen Lebens des Menschen und andererseits als Ausdruck des kollektiven Lebens. Aus dieser Sicht heraus betrachten die Autoren, die verschiedensten Schriftsteller, die Romanautoren und die Philosophen die Fragen des Lebens. Victor Hugo zum Beispiel löst die inneren Widersprüche im persönlichen Leben des Menschen. Tolstoi dagegen löst eine große soziale Frage -- den Grund für die Kriege, für die großen Streitigkeiten und Missverständnisse zwischen den Völkern. Hinsichtlich ihrer Anschauungen haben die beiden Schriftsteller in ihren Romanen \textit{Die Elenden} und \textit{Krieg und Frieden} Recht. 
 
Auch die heutigen Menschen fragen sich, so wie Tolstoi, was der Grund für die Existenz des Bösen in der Welt ist. Was tun die Soldaten, wenn sie eine Brücke überqueren? -- Um sie nicht zu zerstören, laufen sie nicht rhythmisch, bewegen sich allein, zu zweit oder zu dritt und das durcheinander. Aufgrund dieses physischen Gesetzes sage ich: Das Böse existiert aufgrund des rhythmischen Tuns des Bösen. Wenn die Soldaten rhythmisch über die Brücke gehen, dann zerstören sie sie. Wenn sich viele Menschen rhythmisch in die Richtung des Bösen bewegen, verursachen sie große Katastrophen in der Welt: Erdbeben, Überschwemmungen und anderes. Damit das Böse aufhört und den Katastrophen ein Ende gesetzt wird, müssen die Menschen sich vom Rhythmus ihres verdorbenen Verstandes und ihres verdorbenen Herzens sowie der Übereinstimmung mit dem Bösen befreien. Sie müssen, vereint in ihrem Verstand, in ihrem Herzen und ihrem Willen Gutes tun, damit sie die Erde in ein Paradies und ihr Leben in Musik und Gesang verwandeln.
 
Es reicht nicht aus, nur nach dem Grund des Bösen zu suchen, sondern der Mensch soll bereit sein, sich davon loszusagen. Sagt sich der Mensch von seiner Gier nicht los, so kann er nicht in die göttliche Ordnung der Dinge eintreten. Wenn die Bienenarbeiterin die Gesellschaft der Bienen nicht verlassen kann, so wird sie nichts dazugewinnen. Sie wird eine Bienenkönigin haben, die ihr befiehlt und wird für immer eine Arbeiterin im Bienenkorb ihrer Königin bleiben. Auch im Bienenkorb gibt es Ordnung, Disziplin und Sauberkeit, aber diese Ordnung ist nicht ideal. Wenn die Biene nach etwas Erhabenem sucht, muss sie den Bienenkorb verlassen. Im Leben der Bienen ist Vielmännerei zugelassen, was keinesfalls ein Ideal einer erhabenen Welt sein kann. Die Gesellschaftsordnung der Bienen ist längst überholt. Jede vernünftige Biene sucht nach neuen Bedingungen für ein neues, erhabenes Leben. 
 
Worin besteht die ideale Ordnung des Lebens? -- In der Anwendung der Liebe (ljubov) und der \textit{Liebe} (obitsch). Außerhalb der Liebe (ljubov) und der \textit{Liebe} (obitsch) kann gar kein Ideal existieren. In Zukunft, wenn die Liebe (ljubov) und die \textit{Liebe} (obitsch) im Leben angewandt werden, werden sich die Menschen vor dem Tode nicht fürchten. Sie werden nicht sterben, sondern von einer Welt in eine andere übergehen. Heute sterben die Menschen aus dem einzigen Grund, weil sie die Liebe (ljubov) und die \textit{Liebe} (obitsch) in sich nicht in Einklang gebracht haben. Wer sie nicht harmonisch aufeinander abgestimmt hat, kann sie auch nicht richtig anwenden. Ich hörte einer jungen Frau zu, die sich über ihre Lage beschwerte. Sie erzählte, sie habe vor zwei Jahren geheiratet und habe sich mit ihrem Mann bereits sieben Jahre vor der Hochzeit geliebt. Und sie wisse nicht, was zwischen den beiden vorgefallen sei, aber ihr Mann habe sich in eine andere Frau verliebt und habe ihr gesagt: "`Verzeihe mir, aber nun liebe ich dich nicht wie früher. Wenn du mich liebst, opfere dich für mich und lass mich frei."' Und weil seine Ehefrau ihn liebte, hat sie ihn, wenn auch schweren Herzens, frei gelassen; sie hat ihn nicht verlassen, aber mischte sich in seine Liebe nicht ein. Diese Frau ist vernünftig. Sie versteht, dass sie sich in Herzenssachen nicht einmischen darf, doch will sie den Grund für ihre neue Lage wissen, in der sie sich befindet. Ganz einfach. Wann liebt der Mensch jemanden? -- Wenn sich derjenige für ihn opfert. Folglich hatte sich diese Frau einst in der Vergangenheit für ihren Mann geopfert und heute bedankt er sich bei ihr mit seiner \textit{Liebe} (obitsch). Während er diese Frau liebt, wird er auch seiner Ehefrau gegenüber eine noch größere Liebe zum Ausdruck bringen, aber nur dann, wenn sie ihn frei lässt. Er wird ihre Opfer, die sie für ihn erbracht hatte, wertschätzen und ihr dafür danken. Dasselbe gilt auch für die Frau.
 
Die Liebe ist das Eine und Unteilbare. In der Liebe gibt es keine Verbrechen, nichts Böses. Die Verbrechen, die die Menschen ihr zuschreiben, verstecken sich an anderer Stelle und nicht in der Liebe. Die Menschen verstehen sie nicht, oder verstehen sie falsch. Die Liebe erhebt den Menschen und lässt ihn auferstehen, aber töten kann sie ihn nicht. Gott manifestiert sich durch die Liebe in jedem Lebewesen. Je mehr Menschen der Mensch liebt, umso mehr hat er sich für Gott geöffnet. Die Liebe ist ein Weg des Erhebens. Wie sich die Liebe manifestiert, ist unwichtig. Sie hat Millionen von Arten sich auszudrücken. Wichtig ist, dass man durch sie etwas Wertvolles dazugewinnt. Indem der Mensch von einer zur nächsten Stufe emporsteigt, kommt er schließlich zu der großen Liebe, in der es keinen Verrat, keine Verbrechen, keinen Tod gibt. Sie bringt Freude und Glück mit sich, sie bringt Freiheit und Unsterblichkeit. 
 
Die Aufgabe der vernünftigen Welt besteht in der Befreiung des Menschen von seinen Irrtümern, die er aus der Vergangenheit mit sich trägt; sie soll eine hohe Moral in sein Leben bringen. Warum sollen die Menschen einander misstrauen? Soll der Mann seiner Frau misstrauen und denken, sie suche nach anderen Männern? Soll die Frau ihrem Mann misstrauen? Warum soll der Mann die Frauen nicht als seine Töchter und Schwestern betrachten und sie als solche lieben? Warum soll die Frau die Männer nicht als ihre Söhne und Brüder betrachten und sie als solche lieben? Der Vater liebt seine Töchter, die Mutter ihre Söhne. Enthält diese Liebe etwas Verbrecherisches? Die Familie wurde gerade deswegen geschaffen, um die Beziehungen zwischen dem Mann und der Frau zu regeln und sie auf ein höheres Niveau zu erheben. Denkt aber nicht, dass ein Mann ein Verbrechen begeht, wenn er eine Frau liebt. In der Liebe gibt es keine Verbrechen. Es ist unmöglich, jemanden zu lieben und gleichzeitig ein Verbrechen zu begehen. Wer liebt, begeht keine Verbrechen; wer nicht liebt, der begeht Verbrechen. Das gilt gleichermaßen für den Mann und für die Frau. Freut euch, wenn sich die Menschen lieben. Freut ihr euch denn nicht, wenn der Vater seine Töchter liebt und die Mutter ihre Söhne? Auf der Erde existiert keine erhabenere Liebe als die der Mutter und des Vaters.
 
Heute verstehen die meisten Menschen die Liebe nicht, aber sie sprechen über sie und schreiben ihr Eigenschaften zu, die sie nicht besitzt. Es ist die Liebe der Insekten, die uns nicht beschäftigt. Erst jetzt treten die Menschen in die Liebe des Herzen hinein. Sie lesen Romane, verlieben sich und denken, dass sie diese Liebe kennen. Auch diese Liebe kennen sie nicht. Wenn noch nicht einmal diese Liebe verstanden worden ist, wie viel weniger ist die göttliche Liebe verstanden worden. Da wird jemand sagen, er kenne Gott, Gott sei in unserer Nähe. Manchmal ist Gott bei uns, manchmal ist Er weit von uns entfernt. Wenn wir Gott lieben, ist Er weit von uns entfernt; wenn wir Ihn nicht lieben, ist Er in unserer Nähe, Er belehrt und erzieht uns. Wie? -- Durch Leiden. Wenn sich die Frau über ihren Mann beschwert, sollt ihr wissen, dass er sich in ihrer Nähe befindet; auf Schritt und Tritt passt er auf, damit sie keinen Fehler macht. Wenn er weit weg ist von ihr, ist sie zufrieden und weiß, er liebt sie. Sie vertraut ihm und lässt ihn sich frei ausdrücken. Die Begriffe "`nah"' und "`fern"' sind relativ. Die vernünftigen Wesen, die sich mit der Lichtgeschwindigkeit bewegen, erreichen die Sonne innerhalb von acht Minuten und kehren in acht Minuten wieder zurück. Sie befinden sich in unserer Nähe. 
 
Der einfache Mensch benötigt eine, bis zwei Stunden für die Hin- und Rückfahrt in die Stadt. Das heißt, dass die Stadt weit entfernt von euch liegt. In Zukunft werden Mann und Frau weit weg voneinander leben. Wenn sich die Frau auf der Sonne befindet, wird der Mann auf der Erde sein. Dann werden sie ihre Plätze tauschen: Der Mann wird zur Sonne hinaufsteigen und die Frau wird auf die Erde hinabsteigen. Adam beging einen Fehler, als er die Frau zu sich rief, die in der anderen Welt lebte. Er nahm sie zu sich, doch letzten Endes verließen beide das Paradies. Um zu lieben, sollen die Menschen ineinander Platz einnehmen. Unter diesen Bedingungen werden sie sich nicht streiten und aufeinander böse sein. Wenn die Ehefrau auf ihren Mann böse wird, wird er in ihr einen Platz einnehmen; wenn der Mann auf die Frau böse wird, dann nimmt sie in ihm einen Platz ein. Somit werden sie nicht streiten und füreinander verborgen bleiben. Kann man mit sich selbst streiten? Die innere Seite des Lebens ist der Himmel und die äußere die Erde. Wer seine Harmonie bewahren will, muss ständig in sich gehen und dann wieder aus sich herausgehen, das heißt, sich zwischen dem Himmel und der Erde als den Polen des Lebens bewegen.
 
Wer die Liebe versteht, hat keine Angst, der Liebe beraubt zu werden. Die Liebe ist das große Lebensmeer und wer kann es schon des Wassers berauben und es trocken legen? Das Wasser der Liebe ist unerschöpflich. Wer liebt, der bleibt der Liebe immer treu. Wer geliebt werden will, muss wie ein Kind werden. Jeder freut sich über ein Kind, jeder trägt es auf Händen. Schafft ihr es, einen Mann oder eine Frau auf eurem Rücken zu tragen? Folglich, um geliebt zu werden, muss die Frau auf ihren Wunsch verzichten, sich vom Mann tragen zu lassen. Auch der Mann muss auf seinen Wunsch verzichten, von der Frau auf dem Rücken getragen zu werden. Nur so kann er geliebt werden.
 
Christus sagt: "`Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben."'\footnote{Mt 5,5.} Wer ist ein sanftmütiger Mensch? -- Derjenige, der in sich die Liebe (ljubov) und die \textit{Liebe} (obitsch) trägt. Er betrachtet die Menschen als Seelen, zweifelt nicht an ihnen, bereitet ihnen keine Leiden, quält sie nicht. Wenn es um eine Frau geht, so zweifelt sie nie an ihrem Mann, lässt keinen einzigen schlechten Gedanken über ihn zu. Wenn es um einen Mann geht, dann zweifelt auch er nicht an seiner Frau und lässt keinen schlechten Gedanken über sie zu. Der Sanftmütige erkennt die Liebe (ljubov) und die \textit{Liebe} (obitsch) an ihren Manifestationen. 
 
Wenn über die Liebe gesprochen wird, verstehen wir darunter nicht die freie Liebe, die die Menschen zulassen. Die Liebe steht höher als die Freiheit. Sie geht aus der Wahrheit hervor und beinhaltet gleichzeitig die Wahrheit und die Weisheit. Ihr werdet sagen, keiner liebe euch. Das ist nicht wahr. Es existiert kein Lebewesen in der Welt, das nicht geliebt wird. Eines wird vom Menschen verlangt: die Liebe durch den Verstand, durch das Herz und durch die Seele wahrzunehmen. Wer die Liebe nicht auf diese Weise wahrnimmt, kann sie nicht erkennen. So wie ihr die Luft erkennt, so müsst ihr auch die Liebe kennenlernen. Und dann werdet ihr nicht sagen, dass euer Mann oder eure Frau euch nicht liebe; ihr werdet wissen, dass Gott, indem Er euch auf die Erde geschickt hat, euch auch geliebt hat. Er hat euch nicht unter Männer und Frauen geschickt, sondern unter Brüder und Schwestern, um ihnen zu zeigen, was Liebe ist. 
 
Erwartet nicht, dass man euch liebt, aber liebt selber. Seid Helden, um die Liebe auszudrücken und Träger des Neuen in der Welt zu sein.
 
 
 9. August 1942, 10.00 Uhr -- Sofia-Izgrev
 
Aus dem Bulgarischen Stanislava Stefanova.
 

 

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