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mariaK

1922_01_01 DIE VERWANDTEN SEELEN

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DIE VERWANDTEN SEELEN

 

(nach stenographischen Niederschriften)

 

„Du sollst deinen Nächsten

lieben wie dich selbst!“*

 

Auf den ersten Blick scheint Vers 39 ganz klar, nicht wahr? „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“

 

In der christlichen Welt von heute glaubt man, dass man dieses Gebot versteht und es anwendet. Ich habe gar nichts gegen diese Auffassung. Woran erkennt man, ob ein handgewebtes Tuch, das eine Frau gefertigt hat, gut ist oder nicht? Doch an dem Gewebe selbst, nicht wahr? Wenn der Kettfaden dieses Tuches nicht fest genug ist, dann reißt es. Das Tuch selbst mag auch ganz gut gewebt sein. Sein Kettfaden jedoch könnte nicht fest genug sein.

 

Diejenigen unter euch, die sich mit der hohen Mathematik beschäftigen, können nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit ausrechnen, wie oft das Wort „Liebe“ seit der Schöpfung der Welt bis heute von Männern und Frauen, von Brüdern und Schwestern, von Kindern und Freunden ausgesprochen worden ist. Lasst uns das ausrechnen! Das ist eine Philosophie.

 

Es gibt ein Gesetz: All die Dinge, die evoluieren, entwickeln sich und wachsen, und diese, die involuieren, steigen ab, d.h., sie werden kleiner und zerfallen. Am Anfang, als der Mensch von Gott geschaffen wurde, verwendete er das Wort „Liebe“ ganz richtig. Während sich jedoch der Ursprungsmensch oder der kosmische Mensch, wie man ihn nennt, von Gott entfernte, begann sich der Inhalt dieses Wortes allmählich zu vermindern, sich unbemerkt zu vermindern, und als der Mensch bis zum tiefsten Punkt des Seins herabgestiegen war, blieb fast nichts mehr von diesem Wort übrig – es zerfiel. Dieses Herabsteigen geschah so unmerklich, so langsam, dass sich sogar dieser große Mensch geirrt hat. Auch ihr befindet euch jetzt in der Lage dieses kosmischen Menschen in Bezug auf die Liebe eures Vaters. Wisst ihr, womit man diese Liebe vergleichen kann? Sie ist einem Teil oder einem Stück ähnlich, das von einem großen zerschellten Schiff übrig geblieben ist und das auf den Wellen des aufgewühlten Ozeans hin und her schaukelt. Dieses Stück schaukelt hin und her und sagt: “Ach, Liebe, Liebe!” Wenn es aber das Ufer einer Insel erreicht, dann sagt es: “Gott sei Dank, ich bin gerettet!”

 

Ihr, die ihr hier versammelt seid, sowie alle Christen, seid also Teile dieses großen Schiffes, die ans Ufer einer Insel angeschwemmt sind. (Matthäus, 22:39) Die Lage der heutigen Menschen ähnelt jener Lage, in der sich ein englischer Lord befand, der mit seiner Tochter und seinem Diener aus England in die weite Welt zog. Es kam aber nun so, dass der Dampfer, mit dem er reiste, Schiffbruch erlitt und sank. Dem Engländer, seiner Tochter und dem Diener gelang es gerade noch, sich in einem Boot auf eine nahegelegene Insel zu retten. In England hatte der Lord nur Befehle geben können, und sein Diener wusste sich nur zu unterwerfen. Als sie jedoch auf die Insel kamen, wurde nun der Diener zum Herren, denn er hatte etwas Samen dabei und wusste ihn zu säen und anzubauen. So fing er an, dem Lord und seiner Tochter beizubringen, wie man sich ernähren kann. So lebten sie etwa zehn Jahre auf dieser Insel.

 

Nun sind wir auch keine Herren mehr, sondern unsere Diener sind unsere Herren. Wer sind unsere Herren? Das sind unsere Leidenschaften, denen wir dienen. Sie sagen uns jetzt: „Herr, einst warst du unser Herr, aber jetzt, auf dieser Insel, verstehen wir mehr von dieser Sache und du sollst uns gehorchen!“

 

Wie oft wurde also das Wort „Liebe“ bislang ausgesprochen? Es ist doch das stärkste Wort! Als der Herr das Wort „Liebe“ zum ersten Mal in der Welt aussprach, schuf er damit den ganzen Kosmos – er schuf alle Sonnen, die sich voneinander trennten und ihre Umlaufbahnen antraten. Als er das Wort „Liebe“ zum zweiten Mal aussprach, erwachten alle großen Wesen und alle Götter aus ihrem tiefen Schlaf. Als der Herr das Wort „Liebe“ zum zehnten Mal aussprach, wurde der Mensch geboren. Ich werde nicht erzählen, was beim Aussprechen des Wortes „Liebe“ beim dritten, vierten Mal usw. geschah. Der Herr hat also das Wort „Liebe“ bislang nur zehn Mal ausgesprochen. Und auf diesen zehn Worten beruht die ganze Philosophie der Kabalisten mit ihren Sephirot. Nach der Auffassung der Theosophen ist dies eine Differenzierung des Wortes „Liebe“ in all ihren Manifestationen auf den verschiedenen Ebenen, denn es gibt nichts Wirklicheres auf der Welt als die Liebe. Die Kohäsion der Materie hängt nur von der Liebe ab, die zwischen ihren Teilchen besteht und sie zu gegenseitiger Anziehung bringt. Die Harmonie der Welten hängt von der Liebe ab, die die Welten anzieht und durch die sie sich bewegen und drehen. Bei eurem Aufstieg werdet ihr diese Liebe studieren! Heute beginnt ihr mit der Zahl eins, d.h., ihr werdet studieren, was für einen Teil vom großen Schiff, welches den Schiffbruch erlitten hat, dieses Stück darstellt, auf dem ihr euch gerettet habt.

 

Nun werden nach Gottes Plan all die Teile des zerschellten Schiffes gesammelt und davon wird ein noch prachtvolleres Schiff als das erstere gebaut werden. Ein großer Geigenvirtuose ging zu einem Geigenbauer, um seine Geige reparieren zu lassen. Er konnte damit nicht spielen, denn sie hatte irgendeinen kleinen Defekt. Der Geigenbauer nahm die Geige, schlug sie kräftig auf den Boden und sie zerfiel in etwa zehn Stücke. Als der Virtuose das sah, raufte er sich die Haare vor Schreck und Trauer, dass seine Geige, sein teuerster Schatz hin war. „Ängstige dich nicht!“, sagte ihm der Geigenbauer, der ein echter Meister war. Er sammelte alle Stücke auf und machte daraus eine Geige, zehn Mal schöner als die erste. Sollte etwas mit eurer Geige passieren, sollte sie jener Meister auf die Erde werfen, habt keine Angst um diese Geige! Der Meist er wird etwas viel Besseres als die erste Geige daraus schaffen. Ist doch unser Körper nicht aus vielen kleinen, ganz winzigen Teilchen gebaut worden? Macht euch keine Illusionen und denkt nicht, dass es ein Unglück sei, wenn es in der Welt Zerstörung gibt. Jede Zerstörung stellt eine Gelegenheit dar, bei der Gott seine Macht, seine Weisheit, sein Wissen und seine Liebe denjenigen zeigt, die sich auf ihn verlassen. Wenn der Herr sagt, er werde die Welt zerstören, sollen wir darunter verstehen, dass er eine viel schönere Welt als die erste schaffen wird. Wenn wir sagen, mit dieser Welt wird es eines Tages vorbei sein, meinen wir damit, dass eine andere Welt kommen wird – eine schönere als die erste. Wenn wir von einem Menschen sagen, dass er hinübergehen wird, meinen wir damit, dass er wiedergeboren wird, und zwar wird er besser sein als vorher. Das ist die richtige Philosophie.

 

Nun kommen wir auf die Liebe zurück. Ihr sagt: „Unsere Haare sind uns über die Liebe grau geworden!“ Und in der Tat sind euch die Haare immer über die Liebe grau geworden. Dass wir essen – das ist aus Liebe, dass wir uns anziehen – das ist auch aus Liebe, dass wir lernen, dass wir einander verurteilen – auch das geschieht immer aus Liebe. Die Liebe schafft Freude und Leid, sie ist die Ursache von allem. Wer die Liebe versteht, der freut sich, und wer sie nicht versteht, der trauert. Wer die Liebe versteht, der arbeitet, und wer sie nicht versteht, der ruht sich aus.

 

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Unter dem Wort „selbst“ verstehe ich die göttliche Seele des Menschen. Alle Seelen, die anfangs aus dem Nichtsein herausgetreten und und in das Sein hineingekommen sind, stellten immer Paare dar. Es waren zwei Seelen und diese Seelen suchen sich jetzt. Alle Bestrebungen der Menschen – dass sie sich lieben, dass sie heiraten, dass sie Kinder gebären – all das zeigt, dass jeder seine verwandte Seele sucht. Als jenes Schiff zerschellte, verloren diese Seelen einander und verstrickten sich in die Materie. Deshalb suchen sie sich heute. Vielleicht wendet ihr ein: „Wieso?! Wir können doch sehen, die Menschen können doch sehen!“ Nein, die geistige Sehkraft ist in euch noch nicht entwickelt. Ein Mädchen findet einen Jungen, heiratet ihn und sagt: „Das ist er – mein Geliebter!“ Der Pope kommt und traut sie in Gottes Namen. Doch kaum ist ein Monat nach der Hochzeit vergangen und sie sagt: „Er ist es doch nicht.“ Oder ein Mann findet eine Frau, heiratet sie, sagt aber danach: „Sie ist es doch nicht.“ Jeder befindet sich ein bisschen in der Lage des englischen Reformators John Wesley, der sich in ein Mädchen verliebte, es heiratete, je aber drei Tage nach der Hochzeit zu seinen Freunden sagte: „Es lohnt sich nicht zu heiraten.“ – Warum? – „Sie ist es doch nicht, sie ist nicht meine Seele, die ich gesucht habe.“

 

Christus sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben“, d.h., du sollst deine nächste, deine verwandte Seele lieben. Ihr sollt berücksichtigen, wenn ich das Wort „Seele“ verwende, gebrauche ich es als Maßstab. Wenn du deine nächste Seele nicht lieben kannst, die Seele, mit der du von Gott ausgegangen bist, dann kannst du niemanden lieben.

 

„Wie dich selbst“, sagt Christus, und nicht außerhalb von dir. Mit den Worten „wie dich selbst“, mit jenem Menschen, der fähig ist zu lieben, beginnt das Schöpferische auf Erden. Ihr würdet einwenden: „Wieso?! Weißt du, wie mein Herz gebrannt hat? Ganze Nächte lang habe ich nicht geschlafen!“ Wenn du ganze Nächte lang nicht geschlafen hast, ist das noch kein Beweis, dass du geliebt hast. Wenn jemand dich verprügelt und dir das Bein bricht, schläfst du dann? Ganze Nächte lang schläfst du nicht, kannst dich nicht umdrehen. Wenn du dein Bein brichst, ist das aus Liebe? Ich muss mich über die Menschen wundern, wenn sie sagen: „Aus lauter Liebe kann ich nicht schlafen!“ Was ist denn das für eine Liebe, die brennt? „Beinahe hätte ich meinen Verstand verloren!“ Was ist denn das für eine Liebe, die den Leuten den Kopf verdreht? Wir haben auch zur Zeit viele Schriftsteller, Romanautoren, die schreiben, dass der Held oder die Heldin in Ohnmacht fielen. Sie schreiben etwas, was nicht wahr ist. Ich könnte doch, wenn ich will, jeden von euch ohnmächtig werden lassen! Nicht nur ich, sondern auch jeder von euch kann das tun. Wenn du jemandem eins auf den Kopf gibst, wird er sicher ohnmächtig. Und dann sagen die Leute: „Er ist in Ohnmacht gefallen.“ Nein, nein, das ist keine philosophische Auffassung vom Wort „Liebe“.

 

„Du sollst deinen Nächsten liebgewinnen wie dich selbst!“ Nicht ihn lieben, sondern ihn liebgewinnen, heißt es. Wir sagen auf Bulgarisch „wasljubwam“** und „ljubja“***. Das erste Wort ist stärker als das zweite. Ihr liebt, jedoch ihr gewinnt einander nicht lieb. Liebt und gewinnt einander lieb! Das Verlieben schließt das Aufhören der Liebe ein, und im Liebgewinnen ist kein Aufhören. Darin ist ein Reifungsprozess enthalten. Die zwei verwandten Seelen sind die zwei Pole, zwischen denen das Leben geboren wird. Nur wenn du die Seele findest, die mit deiner verwandt ist und die den Gegenpol deines Lebens darstellt, nur dann wird es Reifung geben und die echte Evolution wird beginnen. Wenn Christus sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben“, meint er damit, dass in den Geheimlehren, im tiefsten Sinne des Wortes, ein anderes Wissen steckt, wovon die sogenannten fortgeschrittenen Menschen kaum eine Ahnung haben. Erst nachdem du das echte Wissen erworben hast, wirst du den anderen Pol deines Lebens oder den Weg deines Aufsteigens finden. Das, was „Einweihung“ heißt, geschieht, wenn du deinen Lehrer findest, und er – seine Schüler. Das ganze Geheimnis besteht darin – dass du deine geliebte, deine verwandte Seele findest. Solange du sie nicht findest, wird dir kein Lehrer jenes tiefe, geheime Wissen und den Weg deines Aufsteigens zeigen. Von dem Moment an, wo du diese verwandte Seele gefunden hast, wirst du Fortschritte machen. Wenn es einen Anhaltspunkt gibt, ist alles möglich. Wie hat es Archimedes formuliert? „Gebt mir einen Anhaltspunkt, wo ich meinen Hebel ansetzen kann, und ich werde die Erde hochheben.“ Folglich muss dieser Nächste, den du wie dich selbst lieben solltest, deinen Anhaltspunkt darstellen, an dem du deinen Hebel ansetzen kannst. Welchen Hebel? – Die Liebe. Und dann werden alle Handlungen richtig sein. Die Liebe ist kein vergängliches Gefühl. Vergängliche Dinge sind nur die materiellen Dinge. Sie sind wie Schatten. Die Schatten gehen vorüber, denn die Erde bewegt sich, sie dreht sich und in ihrer Bewegung ändern sich stets auch die Schatten.

 

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Das heißt nicht, du sollst mit deinem Nächsten verschmelzen. Hier gibt es kein Verschmelzen. Du sollst ihm nicht sagen, wie manche sich bekennen: „Ich bin bereit, dein Sklave zu werden!“ Das ist keine Liebe. Jemand sagt: „Ich bin bereit, alles für dich zu opfern!“ Aber sogar in diesem Opfer ist keine Liebe. Diese Liebe kauft man mit keinem Opfer los.

Ihr sollt den ersten Brief des Paulus an die Korinther, 13.Kapitel lesen. Dort heißt es: „Wenn ich auch alles opfern würde, jedoch keine Liebe hätte, würde das nichts nützen.“ Das ist keine Liebe. Du kannst viele Opfer darbringen – diese Opfer sind für dich selbst, du willst dich opfern. Was nützt mir dein Opfer? Nein, die Liebe erfordert etwas mehr als Opfer. Das Opfer ist nur ein Gesetz der Sühne unserer Sünden. Wenn der Mensch seine Reinheit verloren hat, kann er sie nur durch das Gesetz des Opfers wiederherstellen. Die Selbstaufopferung ist nur ein Gesetz, mit dem wir unsere ursprüngliche Reinheit wiedererlangen können. Damit würden wir den Grundstein gelegt haben, um Gott zu erblicken. Und nachdem wir Gott gesehen haben, werden wir das echte Bewusstsein über unsere Entwicklung erwerben. Das wird der erste Tag unserer Evolution sein, der Tag des Aufgehens der Sonne. Diese Sonne, nachdem sie Tausende von Jahren in uns geschienen haben wird, wird die Seele bis zu jener Höhe erheben, auf der sie war, bevor unser Schiff zerschellte.

 

Also, mit dem Opfer wird Reinheit erlangt, mit der Reinheit wird der Grundstein gelegt, damit wir Gott erblicken können, und mit dem Erblicken Gottes fängt das echte Bewusstsein an, die echte Entwicklung, die Evolution der Seele, ihr Leben. Folglich, wenn gesagt wird, dass wir lieben sollen, verstehe ich darunter, dass wir zu leben anfangen sollen.

 

Im ersten Gebot – „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von deiner ganzen Seele, mit all deinem Verstand und mit all deiner Kraft“ – gibt Christus Regeln und Methoden, die wir begreifen. Das Herz – das ist das bewusste Leben. Der Verstand – das ist das selbstbewusste Leben. Die Seele – das ist das unterbewusste Leben, und die Kraft des Geistes – das ist das überbewusste Leben. Also ihr, die ihr die Mathematik versteht, könnt diese Permutationen anstellen: Ihr müsst beide Pole des Geistes bilden und das Herz auf den Gegenpol stellen, denn das Leben ist nicht im Selbstbewusstsein und im Bewusstsein – das sind nur Übergangsetappen, durch die die Seele gehen soll. Es ist eine Bewegung.

 

Du erwartest dein zukünftiges Wohl. Du kannst dich über Dinge freuen, die du in der Vergangenheit erlebt hast, oder wiederum auf Dinge, die du in Zukunft erleben wirst, aber du kannst dich nie über Dinge freuen, die du momentan erlebst. Unser ganzes Leben liegt entweder in der Zukunft oder in der Vergangenheit. Folglich, wer sein Glück im jetzigen Moment seines Bewusstseins erwartet, der täuscht sich. Im Bewusstsein ist immer ein Stachel aus Bitternis. Sie ist ein Prozess der Reinigung. Zum Bewusstsein und Selbstbewusstsein gehört das Gesetz des Opfers, denn darin fangen wir an, unsere Fehler, die Handlungen der Vergangenheit zu sehen. Und erst dann fängt die göttliche Liebe an, sich zwischen den zwei Polen zu offenbaren – im Unterbewusstsein unserer Seele, die alles von ihrer Vergangenhet trägt, und im Überbewusstsein des Geistes, der jetzt zur Erde kommt und schöpferisch arbeitet, der das zukünftige Wissen bringt, d.h. das, was Gott jetzt in der Welt schafft.

 

Nun sehe ich, dass es in euren Häusern oft irgendwelche Überreste gibt. Jemand ist zum Beispiel ins Kloster auf den Berg Athos gegangen, hat sich etwas von dort mitgebracht und stellt es in sein Haus wie ein Heiligtum. Ein anderer ist zum Heiligen Grab gegangen, hat eine Reliquie vom Kreuz Christi mitgebracht und es auch in sein Haus hingestellt. Ein dritter hat einige Haare von einem Freund genommen und bewahrt sie bei sich auf als Talisman. Wiederum ein anderer hält einen halbverbrannten Brief von einem Freund bei sich versteckt. Euer ganzes Leben besteht aus lauter Überbleibseln eurer vorigen Leben. Ihr habt sie in den Schränken liegen lassen und schaut sie ab und zu an, indem ihr ständig seufzt: „Ach!“ Nein, hört doch endlich mit diesem Seufzen auf, denn es seufzen nur Leute, die zu viel gegessen haben. In der Liebe gibt es kein Seufzen, keine Schwierigkeiten, keinen Wahnsinn, kein Schwachwerden, keinen Tod. Es gibt nur ein großes inneres Leben.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Eine Regel ist, dass sich der Mensch selbst liebt, denn sich selbst kennt er einigermaßen. Jener andere, den du liebgewinnen wirst, der wird dir ganz ähnlich sein, der wird weder höher noch tiefer stehen als du. Nach dem Gesetz der Liebe bist du es also nicht, wenn du jemanden lieben willst und dich höher stellst als ihn. Wenn du wiederum demütig bist und dich tiefer stellst, dann bist du es auch nicht – du stehst weder höher noch tiefer. Versteht mich! Ich will, dass ihr besser nachdenkt, nicht aus der Perspektive eures heutigen Lebens, eurer heutigen Gefühle. Es ist ein großes Opfer notwendig, damit ihr eure Gefühle reinigt. Es sind große Ablagerungen und ihr müsst sie reinigen, um die Liebe zu verstehen.

 

Wenn der Mensch die Liebe studiert, wird echte Tapferkeit erfordert. Wenn wir auf die Liebe kommen und anfangen sie zu studieren, sagen wir: „Was soll mit mir geschehen, was soll mit meiner gesellschaftlichen Stellung, mit meinen Kindern, mit meinem Glauben geschehen?“ Du findest nie die Wahrheit, wenn du so denkst. Du musst die Kühnheit jenes Amerikaners haben ….. wessen Kühnheit? Ich werde euch ein Beispiel anführen. Amerikaner spannen ein dickes Seil über die Niagarafälle und fragen, ob sich jemand trauen würde, mit einer Stange auf dem Seil zu balancieren, beim Tosen dieser großen Wasserfälle. Unter allen Amerikanern tritt einer vor, der die Stange nimmt und auf das Seil geht. Das erste Mal geht er mit einer Stange, das zweite Mal – ohne Stange. Das dritte Mal nimmt er einen anderen auf seinen Rücken mit und geht mit ihm auf das Seil. Sowohl dieser, der auf dem Seil geht, als auch jener, der auf seinem Rücken ist, sind Helden. Das sind die zwei Seelen, die von Gott ausgegangen sind. Sie müssen über die tosenden Wasserfälle gehen. Bei der kleinsten Schwankung, bei der kleinsten Störung des Gleichgewichts ist alles verloren.

 

Damit meine ich nicht, dass ihr jetzt schon diesen Versuch machen sollt. Ich möchte euch dazu nur ermutigen. Vorläufig könnt ihr auf dem Seil über einem kleineren, engeren Wasserfall balancieren, um bei diesem Versuch nicht zu ertrinken. Dann könnt ihr über einem breiteren Wasserfall und schließlich – auf dem Seil über jenem großen Wasserfall balancieren.

 

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Nachdem du deine verwandte Seele gefunden hast, hast du die Hälfte deiner Aufgabe gelöst und den richtigen Weg gefunden. Dann findet dich dein Lehrer und Christus beginnt zu dir zu sprechen. Nur dann haben die Worte Christi einen Sinn. Und das ist das große Gesetz: „Wo zwei versammelt sind, in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Diese zwei, das sind die zwei verwandten Seelen. Nur bei diesen zwei verwandten Seelen wird Christus der dritte sein. Das ist kein gewöhnliches Gesetz. Macht euch keine Illusionen, täuscht euch nicht! Ihr zitiert oft diesen Vers: „Wo zwei oder drei versammelt sind, in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Zwei oder drei, versammelt in wessen Namen? Im Namen der Liebe. Diejenigen, die diese Lehre begriffen haben, sind bis zum göttlichen Wesen gekommen, von wo aus das Wachstum beginnt. Dann muss unsere Liebe zu den großen und zu den kleinen Dingen gleich sein. Wenn ihr einen Apfelkern und einen kleinen Apfel habt, wie soll dann eure Liebe zum einen und zum anderen sein? Ihr würdet sagen:“Ich liebe den Apfel mehr als den Kern.“ Die Liebe zum Kern ist jedoch uneigennütziger als die Liebe zum Apfel. Du liebst den Apfel mehr, denn er ist zum Essen, man kann etwas davon nehmen. Wenn du jedoch einen Kern lieben könntest, wäre die Liebe zu ihm uneigennütziger. Folglich, wenn du diesen Kern lieben könntest, würdest du auf die gleiche Weise das Kleine im Großen wie auch das Große im Kleinen sehen können. So sollten wir uns durch das Äußere nicht täuschen lassen. Manchmal sind unsere Gesichtszüge ebenmäßiger, unsere Nase – symmetrischer, wir sind schlanker und wenn uns die Menschen anschauen, sagen sie:“In ihm ist etwas Schönes!“ – und sie gewinnen uns lieb. Wenn du ein schwaches, mageres, krankes Kind siehst, dann sagst du: „Aus diesem Kind wird nichts!“ In dieses kleine Kind ist genauso viel hineingelegt wie auch in den Erwachsenen, denn der Geist dieses kleinen Kindes arbeitet an einer anderen Stelle. Dieser Geist stellt in der göttlichen Welt dasselbe dar, was der Geist des Erwachsenen hier darstellt. Dort ist die Liebe zwischen allen Wesen gleich. Was versteht ihr darunter, wenn ich „gleich“ sage? Nicht gleich in ihrer Intensität, sondern gleich in ihren Äußerungen. Auch in ihren großen Äußerungen bleibt die Liebe immer gleich. Wenn ihr jemandem im Himmel auch nur den kleinsten, den winzigsten Gefallen tun würdet, wäre er so zufrieden, als wenn ihr ihm die ganze Welt gegeben hättet – für ihn wäre es egal. Auf der Erde ist es jedoch nicht so. Wenn dich die Menschen auf der Erde gut bewirten, in ein weiches Bett legen, dir einen schönen Anzug machen, fängst du an, gute Sachen über sie für die Zeitungen zu schreiben. Du sagst: „Diese Menschen sind edel.“ – Warum? – „Sie haben mich mit Hähnchen und Banitza* bewirtet, mir einen weichen Sessel, gefüllt mit Daunen, angeboten.“ Wenn dich jedoch diese Menschen nur mit ein wenig Maisbrei bewirtet hätten oder wenn sie dir ein hartes Lager angeboten hätten, dann würdest du, nachdem du aus ihrem Haus gegangen bist, sagen: „Alles war doch zu simpel!“ Das ist ein Vergleich in Bezug auf die Liebe bei den heutigen Menschen. Sie ist dem erwähnten Beispiel ähnlich. Wo es mehr geschlachtete Enten und Hühner gibt, da gibt es auch mehr Liebe. Wo es nicht so viele Enten, Hühner und Banitzi** gibt, da ist weniger Liebe. Im Himmel ist es allerdings nicht so.

 

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Erwartest du etwas von dir selbst? Opferst du etwas für dich selbst? Wenn du Hunger hast, schneidest du dir ein Stück von deinem eigenen Fleisch ab? Das tust du nicht, sondern du erwartest immer ein Hähnchen. Doch Christus sagt: „Von deinem Nächsten sollst du kein einziges Haar, keinen einzigen Muskel für dein eigenes Wohl opfern..“ Das, wie ihr es versteht, ist nicht für das gemeine Volk. Wenn ihr diese Frage innerlich löst, so habt ihr alle anderen sozialen Fragen in der Welt gelöst. Ich führe euch ein kleines Beispiel an.

Vor 5000 oder 6000 Jahren kam eine der Königstöchter zum ersten Mal als Schülerin an die Schule der Weißen Bruderschaft in Ägypten. Der oberste Lehrer dieser Schule musste folgenden Versuch mit ihr machen, um zu prüfen, ob sie für jene Lehre, die ihr anvertraut werden sollte, bereit ist. Eines Tages verwandelte sich der Lehrer in eine kleine Taube (die großen Lehrer haben diese Eigenschaft). Er ging ins Haus seiner Schülerin als Taube, aber in der gleichen Zeit rief er in ihr einen krankhaften Zustand hervor. Das Dienstmädchen kam und sagte ihr, dass ein Opfer gemacht werden soll, damit sie gesund wird. Damit wollte man prüfen, ob sie die Taube für ihre Gesundheit opfern würde. Die Taube wurde gefangen und in einen Käfig gebracht. Auf diese Weise konnte der Lehrer erfahren, was für eine Absicht die Schülerin hat und wie weit sie in ihrer Entwicklung gekommen ist. Die Entscheidung wurde getroffen und die Taube wurde geopfert, damit die Königstochter gesund wird. Deswegen wurde ihr Eintreten in die Schule aufgeschoben. Und bis heute noch gibt es keine Frauen in der Weißen Bruderschaft. Solange ihr Frauen seid, werdet ihr nie als Mitglieder, als Seelen in die Weiße Bruderschaft eintreten. Solange der Mensch leben will, ist er eine Frau und keine Seele. Solange der Mensch leben will, ist er ein Mann und keine Seele. Jeder, der leben will, lebt wie die anderen. Wenn er sich aber für die anderen opfert, so hat er sich schon um eine Stufe höher erhoben. Deshalb, wenn ich sage, dass es bis heute noch keine Frauen in der Schule der Weißen Bruderschaft gibt, sollt ihr darunter nicht Frauen nach der Form verstehen.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“

Ich will euch eine richtige Philosophie, eine richtige Auffassung geben, damit ihr lernt. Über dieses Problem wurde an mehreren Stellen geschrieben worden. Sogar in der heutigen Literatur würdet ihr etwas darüber finden, aber das sind nur Schatten. Ein solches Problem ist bislang noch nicht behandelt worden. Ihr sollt euch wie Seelen fühlen. Nehmt niemals und von keinem ein Opfer für euch selbst an! Kein Lehrer, wer auch immer er sein mag, verlangt ein Opfer von seinem Schüler für sich selbst. Wenn sich der Schüler selbst für seine eigene Vervollkommnung opfern und seine ursprüngliche Reinheit erwerben will, dann ist es erlaubt, aber der Lehrer braucht sein Opfer nicht. Wir müssen also alles opfern, um unsere Reinheit zurückzugewinnen. Wenn ihr euch opfert, sollt ihr nicht sagen, dass ihr euch für den Herrn opfert. Ihr opfert euch nicht für den Herrn, sondern für euch selbst. Und für wen opfert sich denn der Herr? Für sich selbst. Ihr würdet sagen: „Das ist eine falsche Auffassung!“ Ja, für sich selbst! Wir haben ihn befleckt und er musste sich aufopfern, um sich von unseren Lastern, von unseren Sünden zu reinigen und seine ursprüngliche Reinheit zu erwerben. In menschlicher Sprache heißt das: Der Herr hat sich für sich selbst geopfert, um nicht nur sich, sondern auch uns zu reinigen, denn auch wir sind in ihm. Er hat sich für sich selbst geopfert, um die Urharmonie wiederherzustellen. Daher stammen Paulus Worte: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“* Um sie also zu versöhnen, musste er diese ursprüngliche Harmonie in sich bringen, d.h., seinen Sohn – die Liebe, das Leben – zum Opfer bringen.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Dann würde ich euch fragen: Habt ihr eure verwandte Seele gefunden? Nun würdet ihr mir die Frage stellen: „Und was machen wir denn mit unseren Frauen, mit unseren Männern?“ Diese Frage berühre ich nicht. Es ist dasselbe, wie wenn ihr mich fragen würdet: „Was machen wir denn mit unserem Anzug?“ Der Anzug bleibt Anzug, die Frau – Frau, das Heiraten – Heiraten. Diese große Frage steht nicht in Verbindung damit. Die Heirat ist ein Gesetz der Selbstaufopferung. Was geschieht, nachdem du geheiratet hast? Du erwirbst deine Reinheit. Wenn du rein bist, solltest du nicht mehr heiraten. Wenn du unrein bist, dann heirate, soviel du willst! Die Heirat ist ein Gesetz der Selbstaufopferung, mit dem du deine Reinheit erwirbst oder dein Karma büßt, wie die Inder sagen. Wenn du aber in die Epoche der echten Entwicklung eintrittst, wenn du die Reinheit hast, dann wird sich das Gesetz des Heiratens und des Gebärens ändern. Die Menschen werden nicht mehr auf die gleiche Weise heiraten, gebären und sich verkörpern wie bislang. Dass es nicht auf die gleiche Weise sein wird, dafür zeugen die Worte des Herrn: „Mein Geist wird in sie eingeflößt und ich werde in ihnen wohnen.“ Und wir alle werden anfangen durch Einflößen zu inkarnieren, und nicht durch Gebären und physisches Verkörpern. Heute, wenn die Frau gebärt, ruft sie die alten Hebammen. Und wie sehr soll sie stöhnen, wie oft beschließt sie das Kind abzutreiben! Die Frage besteht jedoch nicht darin. Das ist ein Opfer. Wenn das Gesetz des Einflößens kommt, werden wir schon in Gottes Reich sein. Daher wird das echte Begreifen kommen und wir werden Gott erkennen. Ich spreche nicht von der heutigen Epoche, sondern von der echten. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir auf unser Leben verzichten sollen – nicht im geringsten! Wir müssen unsere Arbeit bis zu Ende führen. Die Arbeit, die wir in unserem heutigen Leben verrichten, hat eine Beziehung zu unserem nächsten Leben. Wer meisterhaft zu stehlen weiß, wird auch in anderen Angelegenheiten ein solcher Meister sein. Wer stark hasst, kann auch stark lieben. Wenn ich einen schlechten Menschen sehe, freue ich mich über ihn, denn dieser Mensch wird im Guten sein genauso eifrig wie er im Bösen gewesen ist, wenn er die Wahrheit erkennt. Ich spreche nicht von dem einfachen Guten, nein. Ich bringe die heutigen guten und bösen Menschen immer auf einen gemeinsamen Nenner. Alle sind gut.(2.Korinther, 5:19)

Wann? Auch der schlechteste Löwe oder Tiger ist gut, wenn du ihm zu essen gibst, aber lass ihn 24 Stunden hungrig und versuche ihn anzurühren! Auch die schlechteste Schlange ist gut, wenn sie satt ist. Würdest du es jedoch wagen dich ihr zu nähern, wenn sie hungrig ist? So sagen wir oft: „Er ist ein edler Mensch.“ Ich sage: „Er ist ein satter Mensch.“ Damit ihr erfahrt, ob er ein edler Mensch ist, lasst ihn 12-24 Stunden hungrig und versucht ihn anzufassen. Im guten Menschen gibt es keine Veränderung, er ist immer derselbe – egal ob er satt oder hungrig ist. Unser Bewusstsein darf sich nicht ändern!

Folglich, wenn Christus sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben“, heißt das, dass wir imstande werden unseren Nächsten zu erkennen. Ihr sagt: „Ich habe meine Meinung geändert.“ Ja, er ist veränderlich wie du selbst. Wenn er dir 1000 Lewa gibt, ist er gut. Wenn er sie zurücknimmt, ist er schlecht. Also, du wirst jeden Moment deine Meinung von seinem Charakter ändern. Der gute Mensch bleibt immer still und ruhig. Er weiß, dass niemand seinen Reichtum wegnehmen kann.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Unter diesem „selbst“ – die Theosophen nennen es das hohe „Ich“ – wird verstanden, dass du aufwachen und diese nächste Seele lieben sollst. Wenn ihr dieses Gesetz anwendet, fängt die Harmonie an unter euch zu herrschen. Ich habe bereits beschlossen – in Zukunft spreche ich nicht mehr über Versöhnen. Das ist sehr banal: „Wollen wir uns versöhnen!“ Ich kann euch alle sehr leicht versöhnen. Ich bin ein Meister des Versöhnens, ich beherrsche diese Kunst. Nehmen wir an, jemand hat euch betrogen. Er hat von euch 1000 Lewa genommen und gibt sie nicht zurück. Ich bezahle sie an seiner Stelle. Bist du ihm nun böse? Nein. Die Frau ist dem Mann böse, weil sie kein Kostüm hat. Kauft ihr ein Kostüm! Ist sie nun zufrieden? Wenn du den Menschen das gibst, was sie wollen, sind sie in 12-24 Stunden zufrieden, versöhnt. Wenn du ihre Kinder ins Ausland schickst, ihre Gehälter erhöhst, ihnen Braten, dies und jenes besorgst, sagen sie: „Na, ein guter Mensch ist auf die Welt gekommen, er ist Christus! Die Welt entwickelt sich gut, wir könnten ihm folgen.“ Dieser Christus kann nur 12 Stunden herrschen. Christus konnte die auf diese Weise gestellte Frage lösen, er hat sich doch nicht vorgenommen sie auf diese Weise zu lösen. Wir werden die Frage auf eine andere Weise lösen, ihrem Wesen nach. So wie die jetzige Evolution vor sich geht, ist sie Evolution des Karma – ich nenne sie „Buße des Karma“. Wir gehen einen richtigen Weg. Es dauert nicht lange und wir werden den Weg der göttlichen Evolution betreten. Deshalb fordere ich euch auf, dass ihr dieses Gesetz erfüllt, d.h., ihr sollt euren Nächsten finden. Findet ihr eure nächste, eure verwandte Seele und liebt ihr sie wie euch selbst, seid ihr auf dem göttlichen Weg. Nachdem ihr diese Seele gefunden habt, dürft ihr sie nicht küssen, nicht anrühren und anfassen, sondern sie euch nur von weitem anschauen. Ihr könntet sagen: „Ja, aber ich will sie ein bisschen an mich drücken!“ In dem Moment, wo du dir vornimmst, sie ein bisschen zu drücken, wird alles verdorben. Das, was man streicheln, anfassen, küssen kann, wird verdorben. Die Küsse, das Drücken bedeuten, dass du es aufgegeben hast. Wenn wir jemanden lieben, nehmen wir mehr als wir geben. Wir drücken ihn an uns: „Ach, ich liebe dich!“ Aber dadurch nehmen wir. Ich habe manchmal beobachtet, wie jemand ein Bläschen, voller Luft, nimmt, es hebt, drückt -–und es entleert sich. Ein anderer nimmt ein Fläschchen. Er schluckt und schluckt davon und steckt es danach in die Tasche. Dann sagt er: „Wie sehr ich es liebe!“ Wenn das Fläschchen leer wird, dann wird es nicht mehr geliebt. Das ist eine falsche Vorstellung von Liebe. Es gibt etwas Schöneres als die Umarmungen, es gibt etwas Schöneres als die Küsse, es gibt etwas Schöneres als das Streicheln, als die heutige Vorstellung. Versteht ihr? Und wenn ich sage, dass ein kurzes Erleben, ein augenblickliches Erblicken Gottes teurer ist als Tausende von Leben, meine ich das auch so. Und wenn du die Seele siehst und erkennst, von der Christus sagt, dass du sie erkennen und lieben sollst, wirst du eine große Kraft in dir spüren, und zwar nicht nur in deinem Körper. Du wirst eine solche Kraft spüren, die du nie gespürt hast. Du wirst eine solche Erläuterung des Verstandes spüren, dass du auf einmal anfangen wirst sehr weit zu sehen, jenseits der Milchstraße. Gott zu sehen, das ist viel! Was denkt ihr, wie werdet ihr ihn sehen? Jetzt seufzt ihr ständig. Nein, nein, hört zu! So handeln nur die Kinder, die es gewohnt sind, durchs Loch zu gucken. Und nun, wenn sie kommen, sagen sie: „Lasst uns doch durch das Loch gucken!“ Nein, nun bist du auf dem breiten Weg, du brauchst nicht durch das Loch zu gucken. Jemand strengt seine Augen an, um mich genauer zu betrachten. Ich sage: Es hat keinen Sinn, dass du mich so anschaust. Was wirst du denn erkennen? Hast du deine nächste, deine verwandte Seele gefunden, um mich erkennen zu können? Um dich zu erkennen, muss ich meine nächste, meine verwandte Seele finden. Zwischen diesen zwei Polen fängt das göttliche Prinzip an zu wirken und Gott fängt an sich zu offenbaren. Das ist der große Anfang, den ihr als Grundstein legen müsst. Ihr dürft euch nicht täuschen! Manchmal seid ihr voller Begeisterung und ihr denkt, dass ihr im Paradies seid. Eine halbe Stunde später vergeht jedoch eure Stimmung und ihr denkt, dass ihr in der Hölle seid. Manchmal sagt ihr: „Es lohnt sich zu sterben“ und eine halbe Stunde später denkt ihr: „Es lohnt sich nicht zu sterben“. Das wäre wie bei Peter! In der Liebe ist etwas Beständiges. Ich sage nicht, dass es von uns stammt. Wir sind wie ein Stützpunkt in einem Kinematograph des Weltalls. Alles, was in eurem Verstand vor sich geht, alle Gedanken, die ihr in einem bestimmten Moment habt, stammen nicht von euch. Ihr lebt also mit der Illusion, dass die Gedanken, die ihr habt und die euch weggenommen werden, eure eigenen Gedanken sind und trauert um sie. Sie sind fremd und ihr braucht euch nicht über das Fremde zu freuen oder darum zu trauern.

Christus sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Zuerst müsst ihr Methoden in eurem Bewusstsein, Unterbewusstsein, Selbstbewusstsein und Überbewusstsein finden und nur nachdem ihr diese Methoden in eurem Leben angewendet habt, werdet ihr eure verwandte Seele finden. Nachdem ihr sie gefunden habt, werdet ihr beide anfangen im stillen zu arbeiten und ihr werdet keinen großen Lärm in der Welt machen. Wenn ich Milliardär wäre, bräuchte ich das nicht zu sagen. Wenn ich das ganze Universum kennen würde, bräuchte ich keine Werbung in den Zeitungen. Ich würde den bulgarischen Journalisten nicht erzählen, dass ich das wissen würde. Was würde ich denn davon gewinnen? Mit ihnen würde ich mich über dies und jenes, über Mazedonien und Thrakien, über England und Deutschland unterhalten, aber über das Wesentliche – niemals! Wenn ein ehrenwürdiger Mensch eines Tages stirbt, sagt man: „Dieser Heilige hat das und das gemacht.“ Nichts hat er gemacht. Diesen Heiligen, über den ihr schreibt, den kennt ihr nicht. Es sind schon 2000 Jahre vergangen, und die Juden haben Christus noch nicht erkannt. Die Christen haben ihn in den siebten Himmel erhoben. Die Juden sagen: „Was für Schafsköpfe sind diese Christen!“ Ich frage: Wer ist klüger, die Christen oder die Juden? Die Juden könnten uns verurteilen und sagen: „Ihr glaubt an Christus, aber wir sind ehrlicher. Wir glauben nicht, aber wenigstens lügen wir nicht. Wir sind schlechte Menschen, aber wenigstens lügen wir nicht. Wir gestehen es – wir glauben nicht an Christus und wollen seine Lehre nicht anwenden.“ Und wir, die Christen? Christus hätte dies, hätte jenes gesagt, aber wir wenden seine Lehre nicht an. Wir lügen, dass wir sie anwenden. Dann frage ich: Was für eine Anwendung der Lüge ist das? Es stimmt nicht, es stimmt nicht, dass wir Christen sind! Hier sind evangelische Prediger, orthodoxe Priester, Bischöfe u.a. Sie sind wohl von Christus eingesetzt worden?! Aber versucht nur, sie etwas über mich zu fragen und hört zu, was sie euch sagen werden. Sie werden euch sagen, dass ich ein Dämon, Satan, Lügner bin. Warum? Ich weiß, woher das stammt. Wäre ich an ihrer Stelle, würde ich genauso sprechen. Ich danke Gott, dass ich nicht an ihrer Stelle bin und all ihre Versuchungen habe. Ich sage: Ich bin ihnen dankbar, dass sie meine Last tragen. Wir müssen also in unserem Glauben konsequent sein. Ihr würdet sagen: „Ich glaube an Gott.“ Nein, seid ehrlich! Wenn ihr glaubt, dann sollt ihr wenigstens etwas anwenden!

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“

Nun, nachdem ihr von hier weggegangen seid, werdet ihr anfangen, nach euren alten Methoden zu handeln: „Eine Schwester wendet diese Lehre nicht an.“ Ich sage nicht, dass ihr schlecht seid. Ihr seid besser als ich. Diese Lehre wende ich erst jetzt an. Ihr habt sie fast wie Christen angewendet, und ich wende sie wie die Juden an. Nein, jeder von euch muss seine verwandte Seele finden und wenn ihr zu mir kommt, werde ich sagen: Ich freue mich, dass Gottes Geist in euch eingeflossen ist! Danach werdet ihr mit Freude in Gottes Tempel eintreten. Nur dann werdet ihr Gott lobpreisen können. – Wie werden wir ihn lobpreisen? – Nur durch das Gesetz dieser großen Liebe, die in euren Seelen aufleuchten kann. Mancher könnte sagen: „Wir sind sehr große Sünder.“ Ihr seid keine großen Sünder. Ich halte euch nicht für solche. Allerdings besteht euer Fehler darin, dass ihr sehr leben wollt, doch nicht wisst, wie ihr leben sollt. Ihr könnt mir die Frage stellen: „Was ist mit unserem Glauben an Christus, seit so vielen Jahren, mit den Gebeten, die wir aufsagen, mit unserem regelmäßigen Kirchgang – was ist mit all dem?“ Habt ihr dabei Christus gefunden? Ich sage nicht, dass ihr ihn nicht gefunden habt. Gott ließ die Menschen sich zu ihm vorzutasten – hoffentlich tasten sie sich zu ihm durch. Vor 2000 Jahren hat er durch Christus gesprochen. Habt ihr diesen Christus einmal getroffen und euch mit ihm über seine Lehre unterhalten? Könnt ihr euch mindestens an einen klaren Traum erinnern, in dem euch Christus etwas von seiner Lehre erzählt hat? Der Mensch soll eine positive Philosophie haben, um Christus zu sehen. Dieses Gefühl möchte ich in euch erwachen sehen, aber vorher sollt ihr unbedingt eure verwandte Seele vom Himmel sehen. Paulus spricht diesen Gedanken aus, jedoch etwas anders. Er sagt: „Doch in dem Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann noch der Mann etwas ohne die Frau.“* Damit meint er, dass sich die beiden Prinzipien von heute – Mann und Frau – zu einer Seele vereinigen müssen und dass diese Seele die andere, ihre verwandte Seele finden muss. Nur dann wird Christus der Dritte unter ihnen sein.

Nun würden manche den Mut verlieren. Ich will nicht, dass ihr den Mut verliert. Das bezieht sich auf die Weisheit. Wenn wir alle in diesem Zustand wären, so würden wir ganz Sofia heben können, wenn die große Liebe kommt. Hätte ich nur einen Anhaltspunkt in euch, würde ich ganz Sofia auf meinen Hebel heben. Doch wie oft habt ihr Zweifel! Es wird ein noch größerer Zweifel kommen. Als Christus in den Himmel auffuhr, begannen die Anwesenden an ihm zu zweifeln. Auch ihr werdet wie diese Gläubigen zweifeln – ob ihr es gesehen habt oder nicht. Nur wenn jenes große Gesetz kommt – „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ – nur dann werdet ihr auf dem Weg der echten Erkenntnis sein.

Also, denkt nicht, dass das Opfer Liebe bedeutet. Das Opfer ist nur Versöhnung. Die Reinheit darin stellt die Grundlage dar. Das Unterbewusstsein – das ist die Seele, das Bewusstsein – das ist das Herz, das Selbstbewusstsein – das ist der Verstand, das Überbewusstsein – das ist der menschliche Geist. Das, was die alten Griechen gesagt haben – „Erkenne dich selbst!“ – zeigt, dass auch sie keine große Philosophie hatten. Sie haben sich nur mit dem Bewusstsein und dem Selbstbewusstsein beschäftigt, und (* 1.Korinther, 11:11)

jetzt beschäftigt sich die christliche Philosophie mit der großen Lehre des Unterbewusstseins und des Überbewusstseins. Also, der menschliche Geist und die menschliche Seele müssen sich vereinigen, um den echten Weg ihrer Entwicklung zu finden. Dann werden die heutigen Männer und Frauen frei sein und sich verstehen. Auch eure Kinder werden euch vestehen, auch ihr werdet sie verstehen. Heute sagen die Kinder : „Die Mutter soll sich opfern.“ Manchmal sagt die Mutter: „Die Kinder sollen sich opfern.“ Der Staat sagt: „Meine Bürger sollen sich opfern.“ Alle wollen Opfer. Nein, die neue Kultur wird ohne Opfer beginnen. Auch David sagt in einem seiner Psalmen: „Denn Schlachtopfer willst du nicht, ich wollte sie dir sonst geben… Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“* Folglich, nachdem du dein Bewusstsein und Selbstbewusstsein verstanden hast, wirst du einsehen, dass weder das Herz noch der Verstand dich retten würden. David sagt: „Nur in meiner Seele und in meinem Geist, die von dir ausgegangen sind, nur dort werde ich dich suchen.“

Nun kommen wir zurück, um diesen Christus der Liebe zu suchen. Heute, weil es Neujahr ist, werden wir ihn auf die neue und auf die alte Weise suchen. Wir werden wie David handeln, der zu Saul ging. Saul gab ihm neue Waffen. Nachdem David jedoch eine Zeitlang mit ihnen, mit diesen neuen wissenschaftlichen Instrumenten gegangen war, sagte er: „Das ist nicht für mich!“ Er legte sie nieder und nahm seine Schleuder. Wir fangen mit dem und jenem an, mit der Wissenschaft, doch das, was wir haben, ist noch keine Wissenschaft. Die echte Wissenschaft soll uns solche Methoden geben, die wir anwenden und mit denen wir arbeiten können. Und wenn jener echt gelehrter Mensch kommt, wirst du von seinem Schweigen viel mehr lernen können als von seinem Reden. Auch in den alten Zeiten war es so. Wenn ein Schüler zu seinem Lehrer ging, blieb er etwa eine Woche bei ihm, sprach nichts, aber nachdem er weggegangen war, hatte er schon viel gelernt. Er nahm die Aura seines Lehrers auf und so hatte er seine Gedanken, Gefühle und Wünsche. Wenn du in ein Café gehst, würdest du dessen Geruch aufnehmen. Es ist wie mit der Wirkung der Feuchtigkeit und des Sonnenscheins auf die Pflanzen. So eine unmerkliche Wirkung üben sie aus. Sodass ihr dieses Wissen nirgendwo finden und in keinem Buch lesen würdet, sondern ihr werdet es im größten Schweigen eurer Seele erwerben. Nachdem ihr es erworben habt, sollt ihr nicht wie Archimedes handeln, der aus dem Bad kam und rief: „Eureka!“ Und was hat er entdeckt? Wie viel die Goldkrone kostet, wie viel sie wiegt! Ihr dürft nicht Archimedes ähnlich sein, sondern ihr sollt das finden, was euer ganzes Leben umwandeln wird. Dann werden die Leute sagen: „Dieser Mensch hat sein Leben umgestaltet.“

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* So in der bulgarischen Bibelübersetzung

** Unübersetzbares Verb, das ungefähr die Bedeutung von „liebgewinnen“

hat

*** lieben

 

* Blätterteiggebäck mit einer Füllung aus Eiern und Schafskäse

** Plural von Banitza

 

 

* Ps. 51, 18-19

Legt nun diesen Grundstein, um euch selbst zu verändern. Es kommt die Zeit, von der Apostel Paulus sagte, dass nicht alle sterben, jedoch alle verwandelt werden /1.Korinther, 15:51/.

Nun möchte ich euch ein zweites Mal begegnen, aber nicht alleine, sondern zu zweit – euch und eurer verwandten Seele, eurem Nächsten. Sie zu finden wünsche ich euch!

 

Vortrag, der am 1.1.1922 in Sofia gehalten worden ist

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